Damals, vor 30 Jahren, da wurde gestritten, diskutiert, manchmal auch unerbittlich gerungen, vor allem um die Frage des „Wies", wie es denn gehen sollte, das Leben, die gute Antwort auf das Leben mit Einschränkungen und dem manchmal so ganz Anderssein. Das waren spannende Zeiten damals. Zwischenzeitlich hatte sich die Auseinandersetzung um das Wie ein wenig abgemildert. Es gibt eben unterschiedliche Sichtweisen und Konzepte und das Wissen bzw. das Nichtwissen um die und nie allein seligmachende Gnade.

Politisch ist die Lage jedoch weiter spannend, um nicht zu sagen angespannt - ja, wenn ich ehrlich bin, zwischenzeitlich zum Zerreißen angespannt. Trotz aller „Augensandstreuaktionen" und bislang intensivster Leugnung - jedoch immer wieder deutlichst erkennbar - zeigt heute die Kostenfrage, also das angeblich nicht vorhandene Geld, ihr bitterstes Gesicht. So lautet heute vielerorts die unaussprechliche und doch so offenkundige Frage hinter der hohlen Hand: „Was darf die Sorge um den Menschen kosten? Wie kann diese Arbeit billiger werden? Wie können die Ansprüche auf Unterstützung abgewiesen, die Bewilligungen verzögert oder wenn auf möglichst andere Schultern vertagt oder abgewälzt werden?" Ja, wer soll, vor allem, wer will das heute noch bezahlen? Dies sind die in unserer Arbeit beherrschenden und belastenden Themen von heute.

Und wer glaubt, dies hätte noch keine Wirkung bei den Menschen, der täuscht sich schon wieder. Wenn wir und eben alle anderen in der Hilfe um psychisch Kranke und Behinderte wenigstens eines in den 30 Jahren gelernt haben, dann wissen - und hier betone ich - wir wissen, dann wissen wir, dass der Mensch, der psychisch Kranke für sein Leben immer und immer wieder auf den ihn akzeptierenden, ihm Sicherheit gebenden, ihn verlässlich begleitenden, fachkundigen Mitmenschen angewiesen ist. Punktuell auch manchmal lang und oft genug sein Leben lang. Damit diese Hilfe ankommen und so dann überhaupt geleistet werden kann, bedarf es - und auch dies ist sicher völlig unumstritten - es bedarf eines sicheren, akzeptierenden und verlässlichen Zuhauses. Sicher erst einmal ein Dach über dem Kopf und besagte vier Wände und dann innen drin ein Zuhause, in dem ich so sein kann und darf, wie ich mit dieser Krankheit bin und wer ich bin. Ja, es geht um mich und nicht um meine mögliche häusliche Unordnung, nicht um mein nicht Straßenbahn fahren können, nicht um mein unkontrollierter Umgang mit den Medikamenten, nicht um meine mangelnde Hygiene, nicht um mein Unvermögen mit Geld, Stromrechnungen und Telefonkosten, Kassenautomaten bei der Bundesbahn umzugehen, um all dies geht es in erster Linie nicht. Das kommt alles später. Es geht um mich. Mich als Person, als gewordener Mensch mit meinem Leben, ja, auch mit meinen Lebens- ja auch Überlebenserfahrungen, mit meinen Ängsten vor Gott und den Menschen, meinem Scheitern, meinem nicht mehr können, meinen Wünschen, Sehnsüchten, Träumen und Wirklichkeiten. Ich bin ... und ich brauche deine Hilfe, durch dich, durch das du, durch das, ja, du meinst mich!

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